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"Die Motte," Edition Balkan, Dittrich Verlag, Berlin, 2011

motte

http://www.dittrich-verlag.de/buecher/die-motte/

Readings of "Die Motte"
Berlin Literatur House, 16 March, 2011
Panel "Urban Visions and their Historical Background in the Edition Balkan," 19 March, Leipzig Book Fair 2011
Balkan Night, 19 March UT Connewitz Theater, Leipzig Book Fair 2011

http://blog.boschstiftung-portal.de/leipziger-buchmesse-2011/19.03.2011/der-geschmack-der-strase/

Interviews
http://www.dw-world.de/dw/article/0,,14921766,00.html
http://blog.boschstiftung-portal.de/leipziger-buchmesse-2011/20.03.2011/urbane-visionen-in-der-edition-balkan-des-dittrich-verlages/

Book Reviews
http://neuebuecher.de/vlbid/0-3467619/
http://editionbalkan.twoday.net/
http://www.neues-deutschland.de/artikel/209281.entseelte-utopie.html

WDR 3
Passagen, 5.04.2011
Buchrezension: Vladislav Todorov:
Vladislav Todorov
Von Uwe Stolzmann
Redaktion: Adrian Winkler
Edition Balkan, so heißt eine neue Reihe des kleinen Berliner Dittrich-Verlags.
Autoren aus Südost-Europa erlauben uns Einblicke in eine Welt, von der wir
sonst wenig sehen. Vladislav Todorov kommt aus Bulgarien. Seit zwanzig
Jahren lehrt er russische und osteuropäische Kulturgeschichte an der University
of Pennsylvania. Doch der erste Roman des Wissenschaftlers – Titel: „Die
Motte" – spielt daheim in Sofia, in einer merkwürdig farblosen Stadt. Ein
zwielichtiger Held steht im Mittelpunkt, ein harter Typ, wie wir ihn aus den
Romanen von Raymond Chandler oder Dashiell Hammett kennen. Doch dieser
Typ, die „Motte" – bei Todorov ist er kein Detektiv, sondern ein Gangster. Ein
Gangster aus der Ära des Sozialismus. Uwe Stolzmann stellt Ihnen das
eigenwillige Buch vor.
Beitrag
Die Story ist denkbar schlicht: Zwei junge Männer und eine Frau – die Ganoven
Motte, Made und Ada – planen einen Überfall auf einen Juwelier. Ada erkundet
die Lage, dann steigen die Männer ein. Doch plötzlich erscheint der Juwelier. Er
wird erschossen, ein Täter flüchtet, der zweite Mann – unser Ich-Erzähler Motte
– kommt ins Gefängnis. Die Beute aber, ein schwarzer Diamant, bleibt seit dem
Raub verschwunden. – Nach zwanzig Jahren Haft wird Motte entlassen, er ist
38, und er hat nur noch 24 Stunden zu leben. Made, der Kompagnon von einst,
entführt und foltert den Erzähler; dann gibt er ihm ein schleichendes Gift, um
das Versteck des Diamanten zu erfahren. Aber Motte kann sich befreien und
flieht durch eine labyrinthische Stadt. Er sucht und findet Ada, die Liebste von damals.
Ada – auf Bulgarisch heißt das „Hölle". Der Erzähler hatte einen
anderen Namen für die Geliebte. Voller Wehmut denkt er zurück.
Zitat 1 (Sprecher 1)
Die Motte und die Gottesanbeterin – so kannte man uns bei den
Banden, welche die Kanäle und Grünflächen in dem Dreieck das von
den Vierteln Konjovica, Jučbunar und Banišora gebildet wurde,
unsicher machten. Wir fingen an zu träumen, wie wir leben, wie wir uns
lieben würden bis ans Ende unserer Tage. Aber wir brauchten Geld.
Beitrag
Nach Mottes Verhaftung war die junge Frau in einem Arbeitslager interniert,
jetzt singt sie in einem Nachtclub, Ada, eine Femme fatale. Mit den zwei
Männern treibt sie ein teuflisches Spiel: Sie spielt sie gegeneinander aus. Und
das Streitobjekt, der Diamant? Steckt angeblich im Grab des Juweliers, und so
kommt es zum Showdown auf einem Friedhof.
Unverkennbar in diesem Buch sind die Anleihen beim
nordamerikanischen Krimi der dreißiger, vierziger Jahre und beim Film noir. Hin
und wieder zitiert der Verfasser sogar einen Klassiker. „Das ist der Postmann,
der klingelt immer zweimal", heißt es an einer Stelle. Hier wie dort, im Klassiker
wie bei Vladislav Todorov, stehen harte Typen im Mittelpunkt, Recht und
Unrecht, Schuld und Unschuld verschwimmen. Gangster Motte, jener
melancholische Desperado, saß die zwei Jahrzehnte fast unschuldig im Gefängnis.
Denn nicht er hatte den Juwelier getötet, es war Made. Der treulose
Komplize machte später Karriere, ausgerechnet in Staatsdiensten; er brachte
es bis zum Major beim Geheimdienst, Made, dieser schwammige Kerl mit
Fistelstimme, ein gemeingefährlicher Ordnungshüter.
Trotz ihrer moralischen Ambivalenz besitzen Todorovs Figuren nur
geringen Tiefgang. Und sie zeigen einen Hang zu Stereotypen. „Ich erstarrte",
sagt Motte. „Mir standen die Haare zu Berge. Rasende Zentrifugen heulten in
meinen Ohren." Und wenn er an Ada denkt, heißt es:
Zitat 2 (Sprecher 1)
Sie entfachte mit ihren Augen das Feuer in meiner Seele, und klebte ihr
Gesicht an mein Gesicht. Ich schmeckte ihren Atem. Sie erforschte mit
ihren heißen Lippen meine feuchten Nasenlöcher und drückte sich
leidenschaftlich an mich, ihr Fleisch fing an zu beben. Sie saugte sich
an meinem Kinn fest und begann daran herumzukauen. Dann ließ sie
sich theatralisch zu Boden gleiten.
Beitrag
Wegen seiner abgenutzten, bisweilen kitschigen Sprache wirkt der Ich-Erzähler
wie ein Angeber – Motte, ein Mann mit dickem Ego und greller Erscheinung.
Dann merkt man: Der Mann hat Angst vor der unbekannten Welt außerhalb der
Zelle. Deshalb sein Machogehabe, deshalb die Übertreibungen.
Als Kompensation für die Neigung zu Klischees sind die Helden mal
zynisch-witzig, und mal sprechen sie sogar in Aphorismen. „Der Tod und die
inneren Organe der Volksmacht waren mir auf den Fersen", lesen wir. Oder:
„Worte zeugen andere Worte, gehen wir sparsam mit ihnen um."
Der betont lässige Sprachgebrauch ist typisch für den Film noir und die
harten alten Krimis aus Amerika. Der Verfasser lebt seit langem dort in den
USA, doch seinen Roman kann man als makabere Hommage an die Stadt
seiner Kindheit verstehen: Vladislav Todorov wurde 1956 in Sofia geboren; dort
spielt die Handlung, in jener Ära.
Zitat 3 (Sprecher 1)
Man hatte mich während einer bestimmten historischen Periode
eingebuchtet und entließ mich in eine völlig andere – was beide trennte,
war der Tag der Revolution.
Beitrag
Als Häftling – das erfahren wir in Rückblenden – mußte Motte mitwirken am
Aufbau des Sozialismus: Er brach Steine für das Mausoleum des Parteiführers
Georgi Dimitroff. Eine Metapher – der Aufbau entlarvt sich als Totenkult. Und an
einen grausigen Totenkult erinnert auch ein Diktum von Stalin, das als Motto
über dem Text steht:
Zitat 4 (Sprecher 1)
Der Tod löst alle Probleme – kein Mensch, kein Problem.
Beitrag
Als der Protagonist zu Beginn der Sechziger zurückkehrt in die Gesellschaft, ist
diese Gesellschaft schon lange sozialistisch. Respektlos registriert der Held das
ungewohnte Ambiente: die Gesänge für die Massen, „die den roten Morgen und
den Klassenkampf priesen", die Parolen in den Schaufenstern und „das
fröhliche Stimmengeschwirr junger Pioniere". Aber Mottes Stadt, gemäß den
Dogmen der neuen Ära ein heller Ort, ein Versprechen auf Zukunft, dieses
Sofia ist farblos, zerfallen, die Schwarz-Weiß-Skizze einer abgestorbenen
Utopie. Eine – Zitat – „phantasmagorische, eisige Nebelnacht" liegt über der
Stadt, selbst bei Tageslicht.
Nach Meinung des deutschen Verlags spiegelt Todorovs Buch „die
grausame Realität des Kommunismus in Bulgarien", doch eine solche Wertung
verklärt den Text. Das realsozialistische Ambiente ist eher Staffage, eine
Pappkulisse, um Gruselstimmung zu erzeugen. Schade: Den düsteren
Hintergrund hat Vladislav Todorov in seinem ersten Roman nur oberflächlich
ausgeleuchtet. In manchen Sentenzen bekommt man allerdings eine Ahnung,
wie der Konflikt zwischen Anspruch und Realität des Regimes literarisch
auszubeuten wäre. Etwa in jenem Satz, den Motte im Knast als Motto gewählt
hat. Der Satz illustriert Mottes Schicksal. Er paßt aber auch auf das System, in
das der Gangster 1963 hineinstolpert: „Das Ende beginnt bereits am Anfang."
Abmoderation: Vladislav Todorov: Die Motte. Roman noir. Aus dem
Bulgarischen von Roumen M. Evert und Ines Sebesta. Dittrich Verlag, Berlin
2011. 150 S., Englische Broschur, 12,80 Euro.

Von Uwe Stolzmann 20.10.2011 / Literatur
Entseelte Utopie
Vladislav Todorov mit »Motte« in Sofia
Ein Roman noir: Die Story denkbar schlicht. Zwei junge Männer und eine Frau - Motte, Made und Ada - planen einen Überfall auf einen Juwelier. Ada erkundet die Lage, die Männer steigen ein, doch plötzlich erscheint der Juwelier. Er wird erschossen, ein Täter flüchtet, der zweite - unser Ich-Erzähler Motte - kommt für lange ins Gefängnis. Die Zeit: Anfang der Vierziger; vor den Zellenfenstern stürzt wenig später ein Regime. Motte, erfahren wir, sitzt fast unschuldig ein. Denn nicht er hat den Juwelier getötet, es war Made. Der mörderische Komplize macht im neuen Staat Karriere; er bringt es bis zum Major beim Geheimdienst, Made, dieser schwammige Kerl mit Fistelstimme, ein gemeingefährlicher Ordnungshüter. Ada verschwindet in einem Arbeitslager, später singt sie in einem Nachtclub. Und die Beute des Bruchs, ein schwarzer Diamant? Ist seit dem Raub verschwunden.
Unverkennbar sind die Anleihen beim nordamerikanischen Krimi der dreißiger, vierziger Jahre und beim Film noir. Hin und wieder zitiert der Verfasser sogar einen Klassiker: »Das ist der Postmann, der klingelt immer zweimal.« Hier wie dort, im Klassiker wie bei Todorov, stehen harte Typen im Mittelpunkt, Schuld und Unschuld verschwimmen. Trotz ihrer moralischen Ambivalenz besitzen Todorovs Figuren nur geringen Tiefgang, zeigen einen Hang zu Stereotypen. »Ich erstarrte«, sagt Motte. »Mir standen die Haare zu Berge.« Denkt er an Ada, heißt es: »Sie entfachte mit ihren Augen das Feuer in meiner Seele, und klebte ihr Gesicht an mein Gesicht.« Wegen dieser kitschigen Sprache wirkt der Ich-Erzähler wie ein Angeber - Motte, ein Mann mit dickem Ego und greller Erscheinung. Dann aber merkt man: Der Mann hat Angst vor der unbekannten Welt außerhalb der Zelle. Deshalb sein Machogehabe, deshalb die Übertreibungen, wie sie auch typisch waren für die Hardboiled-Krimis made in USA.
In den USA lebt Vladislav Todorov, geboren 1956, seit langem schon. Der Roman ist eine makabre Hommage an die Stadt seiner Kindheit: In Sofia spielt die Handlung, in sozialistischer Ära. Als Häftling muss Motte Steine brechen für das Mausoleum Georgi Dimitroffs. Eine Metapher - der sozialistische Aufbau entlarvt sich als Totenkult. Und an Totenkult erinnert auch ein Stalin-Diktum, das als Leitspruch über dem Text steht: »Der Tod löst alle Probleme - kein Mensch, kein Problem.«
1964, nach zwanzig Jahren Haft wird Motte entlassen; Motte ist 38, und hat nur noch 24 Stunden zu leben. Major Made, der treulose Kumpan, entführt und foltert ihn, dann gibt er ihm ein schleichendes Gift, um das Versteck des Diamanten zu erfahren. Motte kann sich befreien; er flieht durch eine labyrinthische Stadt; er sucht und findet Ada, die Liebste von einst. Ada - auf Bulgarisch heißt das »Hölle«. Mit den zwei Männern treibt dieses Teufelsweib ein teuflisches Spiel. Während Motte durch Sofia hetzt, registriert er die Attribute der neuen Ära: Massengesänge, »die den roten Morgen und den Klassenkampf priesen«, und Parolen in Schaufenstern. Gemäß den Dogmen der neuen Ära müsste die Stadt nun ein heller Ort sein, ein Versprechen auf Zukunft, doch dieses Sofia ist farblos, zerfallen, die Schwarz-Weiß-Skizze einer entseelten Utopie. «Wenn Sie auch aus jenem Teil der Welt stammen, wird Ihnen das alles bekannt erscheinen«, so Vladislav Todorov in einem Interview.
Das realsozialistische Ambiente ist eher Staffage, eine Pappkulisse, um Gruselstimmung zu erzeugen. »Das Ende beginnt bereits am Anfang.« - Dieser Satz illustriert nicht nur Mottes Schicksal, er passt auch auf das System, in das der Gangster 1963 hineinstolpert.


Helmuth Schönauer
Lesen in Tirol
http://www.lesen.tsn.at/index.php?menu=95&con_id=5647&archiv=all
Rezension: Vladislav Todorov, Die Motte
Brutale Vorgänge lassen sich oft nur mit makabren Erzählformen beschreiben. So gilt der Roman noir mit seinen dunklen Figuren und seinem düsteren Milieu als passable Kunstform, um so einem Unding wie dem Stalinismus irgendwie gerecht zu werden.
Vladislav Todorov erzählt eine Kriminalgeschichte, die aber durchaus politisch verläuft. Im stalinistischen Sofia der Nachkriegszeit raubt ein jugendliches Trio einen Juwelier aus, der dabei zu Tode kommt. Der Ich-Erzähler Motte geht ins Gefängnis, weil er seine Geliebte schützen will, der wahre Täter wird politischer Polizist und wartet, bis Motte wieder aus dem Gefängnis kommt, um ihm das Versteck des verschwundenen Diamanten herauszupressen.
Motte berichtet von wahnsinnigen Typen im Gefängnis und mit welchen Tricks er überlebt.
Den Spitznamen Motte bekam ich schon als Kind. Ich war spindeldürr, aber zäh und gelenkig, und versteckte mich gern in Abstellkammern, um andere zu erschrecken. Und dabei ist es geblieben - Motte. Denn wenn du mal einen Spitznamen bekommst, bleibt er wie ein Klette an dir hängen. (37)
Tatsächlich führen alle Protagonisten einen Spitznamen, das geht vielleicht auf den Usus der Kommunistischen Führer zurück, die sich ja auch Lenin, Trotzki oder Stalin genannt haben.
Als Motte in den frühen sechziger Jahren nach 25 Jahren Haft entlassen wird, geht es gleich rund. Sein ehemaliger Komplize wartet mit entsprechendem Polizeiapparat auf ihn, er wird gleich gefoltert, dass dagegen das Gefängnis fast eine Erholungsfarm war. Und zu guter Letzt vergiftet man ihn mit Iridium, gegen das es offensichtlich kein Gegengift gibt.
Ab jetzt werden immer wieder aus Lautsprechern oder über Radio Zeitangaben durchgegeben, denn Motte hat nicht mehr lange zu leben. In dieser Zeit bis zum Erzähl-Finale rollt er noch einmal seine Geschichte auf, alles ist letztlich völlig anders, als er es sich ausgemalt hat. Wie überhaupt die Welt die Eigenschaft hat, völlig anders zu sein, als wir sie wahr haben wollen.
Am Schluss schreibt Motte in Erwartung seines Todes seine gesamte Geschichte auf, sinnigerweise in der Wärmestube der Totengräber. Von dort schreibt er auch das Eingangsmotto von Stalin ab: „Der Tod löst alle Probleme - kein Mensch, kein Problem. Stalin.' (5)
Vladislav Todorov hat auf der Oberfläche einen süffisanten, spritzigen schwarzen Krimi geschrieben, der sich in der Tiefenstruktur als beinharte, blutige, groteske Beschreibung der jüngeren bulgarischen Zeitgeschichte erweist. Zum Lachen und Nicht-Lachen zugleich!
Vladislav Todorov, Die Motte. Roman noir. .A. d. Bulgar. von Roumen M. Evert. [Orig.: Plovdiv 2006].
Berlin: edition Balkan Dittrich 2011. 190 Seiten. EUR 14,80. ISBN 978-3-937717-54-8.
Vladislav Todorov, geb. 1956 in Sofia, unterrichtet an der University of Pennsylvania.

Thomas Veser

Frischen Wind in die Literaturszene brachte Vladislav Todorov, der mit seinem Thriller «Die Motte» die Gegenwartsliteratur mit einem der originellsten Werke bereichert hat. In diesem packend geschriebenen «Roman noir» spielt ein vom Pech verfolgter Kleinkrimineller die Hauptrolle. Wegen eines Raubmords, den er gar nicht begangen hat, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt, wird er nach seiner Entlassung von seinem damaligen Komplizen, der inzwischen zum Polizisten aufgestiegen ist und nun die Beute will, wie in einem Film noir erbarmungslos durch das nächtliche Sofia der sechziger Jahre gejagt.

«Bevor man mich einsperrte, lebte ich Ecke Niska- und Bregalnica-Strasse mitten im gefrässigen Bauch der Hauptstadt», lässt der Verfolgte in dieser an ironischen Anspielungen und Wortwitz reichen Erzählung den Leser einmal wissen.

http://www.nzz.ch/feuilleton/zeitgeschehen/sofias-neues-literarisches-potenzial-vom-unort-zum-ort-ld.111526